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Spricht man von Schlesien, so werden von vornherein unterschiedliche Interpretationen und Zuordnungen darunter verstanden:
Allgemein wird Schlesien als eine eigenständige naturräumliche Landschaft angesehen.
- Aber:
- Ein Niederschlesier hätte sich kaum selbst so genannt, verstand er sich doch als Schlesier.
- Ein Oberschlesier dagegen verstand sich in der Regel weniger als Schlesier, sondern zuerst als Oberschlesier.
- Wenn (heute) ein Pole von Schlesiern spricht, so versteht er darunter die alteingessenen Oberschlesier, von denen sich (nunmehr) viele wieder mehr oder minder als Deutsche empfinden – oder die sich (weiterhin)
von Polen abgrenzen (unabhängiges Schlesien).
- Die offiziellen polnischen Stellen hingegen richten ihr Augenmerk - insbesondere bei der neuerdings einsetzenden Untersuchung der schlesischen Umgangssprache - vor allem auf Ostoberschlesien (= den Teil
Oberschlesiens, der nach der Abstimmung Polen zugeteilt wurde)!
Die Binnengrenze zwischen Nieder- und Oberschlesien, die zumindest teilweise sprachliche, rechtliche, konfessionelle und politische Räume trennte, hatte weniger naturräumliche als geschichtliche Gründe.
Ganz Schlesien war zur Zeit seiner politischen Herausbildung im frühen Mittelalter kirchlich und politisch noch ungeteilt. Erst das Prinzip der Realteilung, das von den Piastischen Herrschern uneingeschränkt angewendet
wurde, führte über mehrere Generationen hinweg zu einer Zersplitterung und somit auch politischen Ohnmacht Schlesiens. Die Teilung von 1202, die das gegenseitige Erbrecht der beiden wichtigsten Linien von Breslau und
Ratibor / Oppeln aufhob, eröffnete den Sonderweg des späteren Oberschlesiens: Der Landesname Schlesien galt damals nur für den Norden, im Süden lag das Oppelner Land. Die politische Zusammenfassung im 14 Jahrhundert
unter der böhmischen Oberhoheit brachte wiederum die Ausweitung des Namens Schlesien auf das ganze Herzogtum. Zu berücksichtigen sind aber dennoch zwei gravierende Unterschiede der Entwicklung der
Bevölkerungsstruktur, die ausschlaggebend für eine Unterscheidung von Nieder- und Oberschlesien sind:
- Niederschlesien:
- Sehr intensive deutsche Besiedlung im Zuge der Ostkolonisation – die Umgangsprache wird allmählich „deutsch“.
- Ein eher normales Wachstum der Bevölkerung während der industriellen Revolution.
- Fast vollständige Flucht und Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung nach dem II. Weltkrieg.
Oberschlesien:
- Weniger intensive deutsche Besiedlung – Oberschlesien wird eher „zweisprachig“ – daraus entwickelt sich allmählich ein Schlesischer Dialekt, der eher „deutschgeprägt“ ist.
- Explosionsartige Zunahme der Bevölkerung während der Industriellen Revolution – das Oberschlesische Industriegebiet entsteht: Die Oberschicht (die Finanziers) sind deutsch, die Mittelschicht schlesisch
(=gemischt), die Unterschicht (=ungelernte Arbeiter) stark durch Zuzügler slawisch bestimmt: Gesprochen wurden (nun) „vier“ Sprachen:
- Deutsch
- Schlesisch mit starkem deutschen Anteil
- Schlesisch mit slawischen Anteil
- Polnisch (das aber sogar innerhalb eines eng begrenzten Gebietes stark variierte – und zumindest in der 2.ten - 3.ten Generation von Polen kaum noch verstanden wurde) -
- (PS.: Ein echter Oberschlesier beherrschte zumindest passiv alle vier Sprachen :-)
- Nach dem II. Weltkrieg hielt sich die Flucht und Vertreibung (zunächst) in Oberschlesien in Grenzen, da einerseits der polnische Staat auf die Schwerindustrie angewiesen war und andererseits die
Oberschlesier sehr pragmatisch waren (sind) – (die aber ab der Mitte der 60er Jahre einsetzende gewaltige Auswanderungswelle spricht wohl für sich)
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